Frühmorgens im Palast der Revolution (Die Geschichte einer großzügigen Schenkung)
1998 erhielt Fidel Castro den "Internationalen Gaddafi-Preis für Menschenrechte" und 250.000 Dollar
VON MANUEL ZAYAS, ÜBERSETZT UND BEARBEITET VON DEY JASTROW
"Die Stiftung Muammar al-Gaddafi für Menschenrechte zeichnet den Comandante en Jefe Fidel Castro mit dem nach Gaddafi benannten Preis aus" meldete die staatliche libysche
Nachrichtenagentur Jana im August 1998. Die Nachricht, datiert in Tripolis auf den 11. August, zwei Tage vor Castros 72. Geburtstag, nennt auch eine Geldsumme von 250.000 Dollar, mit der dieser
Preis dotiert ist. Außerdem wird darin die Preisvergabe an den kubanischen Diktator wie folgt begründet: „für den geleisteten Widerstand gegenüber dem [nordamerikanischen] Imperialismus,
für seinen prinzipientreuen Kampf sowie für die Kühnheit, mit der er sich den Umständen entgegenstellt und damit eine neue Etappe im Kampf der Völker gegen die Welthegemonie, das Embargo und die
Aggression eingeleitet hat!“. Nach Angaben der libyschen Nachrichtenagentur sollte die Preisverleihung an Castro am 30. August desselben Jahres während einer offiziellen Zeremonie
stattfinden. Die kubanische Presse verschwieg die Bekanntgabe des Preisträgers auf Weisung Fidel Castros persönlich.
Bereits vor der Übergabe des Preises hatte der Máximo Líder während einer Reise in die Dominikanische Republik eine Schenkung in seinem Namen über 250.000 Dollar für den Bau
einer polytechnischen Schule in einem Dorf namens Baní verkündet, ohne dabei zu erwähnen, woher das Geld dafür kommen würde. Offensichtlich wusste der unbesiegbare Kommandant nicht, wie er der
Öffentlichkeit die Annahme dieses dubiosen Preises, gestiftet von seinem Freund Gaddafi (der für westliche Nationen eher als Stifter des internationalen Terrorismus galt) erklären sollte. Castro
wollte das Geld möglichst schnell wieder loswerden, nach Möglichkeit ohne, dass es überhaupt erst auf sein Konto einging und eine Erklärung dafür notwendig werden würde. Die Preisverleihung,
welche die Regierung Libyens für Ende August 1998 angekündigt hatte, wurde jedoch ohne Angaben von Gründen vertagt.
Zwei Jahre später dann, in der Nacht zum 9. Oktober 2000, wurden drei Journalisten verschiedener kubanischer Medien, die in jener Nacht zufällig Dienst hatten, in den Palast der Revolution
Havannas berufen, um über die Gaddafi-Preisverleihung zu berichten. Einer davon war ich, als Vertreter der nationalen Nachrichtenagentur AIN. Während wir in einem der überwachten
Korridore warteten, an dessen Wänden einige der berühmtesten Ölgemälden des Landes hingen (die meisten davon dem „Minister der Streitkräfte General der Armee Raúl
Castro“ gewidmet) und so aus dem Sitz der Befehlsgewalt eines der reichsten Museen des Landes machten, wurden wir gebeten, viel Geduld zu haben. Um diese Zeit, zwei Uhr morgens,
liefen hinter verschlossenen Türen noch immer die offiziellen Staatsgespräche zwischen dem Comandante und der libyschen Delegation. Als wir unser Gähnen kaum noch unterdrücken konnten, wurden wir
Journalisten schließlich in einen kleinen Saal gebracht. Dort sollte die Preisverleihung, die mit aller Kühnheit des Preisempfängers um zwei Jahre vertagt worden war, nun endlich stattfinden. Die
Zeremonie war eine grobe Inszenierung. Auf der Bühne stand ein kleines Podium mit Mikrofon, dahinter die Flaggen Kubas und Libyens. Als Nebendarsteller traten auf: der Gesandte der libyschen
Regierung Abu Zaid Umar Durda, ehemaliger Premierminister Libyens (1990-94) und damaliger libyscher UN-Botschafter, begleitet von einem Funktionär der Botschaft in Havanna als Dolmetscher.
Hauptdarsteller: selbstverständlich Fidel Castro. Vor der Bühne warteten, als exklusives Publikum, wir drei offiziellen Journalisten. Man hörte keinen Fanfarenzug, stattdessen klangen die
Nationalhymne beiden Länder aus einem Lautsprecher.
“Dem kämpferischen Fidel Castro, als Anerkennung seines historischen Rolle in der Verteidigung seines Volkes und seines Widerstandes gegenüber dem Imperialismus, der ihn für mehr als drei
Jahrzehnte umgeben hat“, lautete die Widmung des libyschen Absenders. Seinerseits prahlte der Máximo Líder mit seinem Wirken zur Verteidigung der Menschenrechte und seiner
wohlbekannten Tirade, dass es "keinerlei Verschwundene“ in Kuba gäbe und schließlich mit der Solidarität seines Volkes gegenüber der Dritten Welt. Castro nutzte die
Gelegenheit, um sich bei Gaddafi für den Preis zu bedanken und nannte ihn „einen der größten Rebellen unserer Zeit“. Als es nichts mehr zu sagen gab, richtete Castro seinen Blick
auf eine Tür, aus der einer seiner Leibwächter alles beobachtete, und fragte ihn befehlend: „Wo bleibt mein Saft?“. Kaum eine Minute danach erschien ein Adlatus mit einem Tablett,
darauf drei Gläser frisch gepresster Orangensaft. Castro warf sich förmlich auf das Tablett und nahm sein Glas noch bevor die Libyer zum Zuge kamen, und mit dieser Geste betrachtete er die
protokollarische Posse als abgeschlossen. Da das Schauspiel zu Ende war, wurden wir hinausgeleitet und erhielten noch den Hinweis, dass der Geldpreis Gaddafis als Schenkung Kubas für
den „Bau einer polytechnischen Schule in der Dominikanischen Republik" Verwendung finden würde.
Ich ging zu Fuß zurück zum Sitz der AIN, die in einer Entfernung von etwa drei Kilometern lag, um meinen Bericht über die Preisverleihung zu schreiben. Ich sollte mich eng an die
dort erlebte offizielle Zeremonie halten, ohne weitere Quellen zu zitieren. Um 6 Uhr morgens war mein Bericht fertig, der von zwei offiziellen Editoren korrigiert wurde, bevor er zur endgültigen
Billigung zum Zentralkomitee der kommunistischen Partei geschickt wurde.
Das mit den „Geldern Kubas“ in der Dominikanischen Republik finanzierte Ausbildungszentrum wurde zum Gedenken an Máximo Gómez Báez, eine hervorragende Persönlichkeit des
Unabhängigkeitskrieges Kubas gegen die spanische Kolonialmacht, in seinem Geburtsdorf Baní errichtet und nach ihm benannt. Dominikanische Quellen behaupten, dass sich die Kosten für den Bau des
Zentrums auf 50 Millionen Dominikanische Pesos – ca. 1.300.000 Dollar – belaufen hätten, das fünffache des kleinen Geschenkes, das die Freundschaft zwischen Gaddafi und Castro erhalten sollte.
2003 reiste Fidel Castro nach Afrika, um der Islamisch-Sozialistischen Volksrepublik Libyen einen (letzten) Staatsbesuch abzustatten. Nach einem kräftigen Händedruck der beiden „größten
Rebellen unserer Zeit“ bot Gaddafi seinem Freund Castro Rundgänge durch jeden einzelnen seiner Paläste an. Dennoch meldeten die Presseberichte nur die Einzelheiten eines Besuches des
Palastes in Tripolis, der 1986 von den US-amerikanischen Luftkräften auf Befehl Präsiden Ronald Reagans bombardiert worden war. Bei dem Bombardement sollte eine Adoptivtochter Gaddafis ums Leben
gekommen sein.
Die Bewunderung des karibischen für den libyschen Alleinherrscher war so groß, dass Fidel Castro bis zum heutigen Tag weder die Verbrechen Gaddafis gegen das libysche Volk verurteilt noch sich
über das Vermögen des Gaddafi-Clans geäußert hat. Und der Kommandant scheint auch nicht die Absicht zu haben, dies jemals zu tun. Seine Treue soll sich nun vielleicht jener einstigen großzügigen
Schenkung würdig erweisen.
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