Unterwandern, übererfüllen, torpedieren …

ALLES MUSS RAUS! LARS BRINKMANN, FANBOY, VERFÜHRER UND JOURNALIST, SCHREIBT LIEBER FÜR SEINE LESER UND GEGEN DEN HYPE. SEIT KURZEM VERLEGT ER SEIN EIGENES MAGAZIN GRIMM. ER GLAUBT NOCH AN DIE KRAFT DES GESCHRIEBENEN WORTES, DAFÜR LÄSST ER ES AUCH AUF EINSTWEILIGE VERFÜGUNGEN ANKOMMEN. OUT DEMONS, OUT!!!

 

Lars, du schreibst seit mehr als zwei Jahrzehnten Texte und Rezensionen über Musik, Bücher und Filme. Die Frage mag naiv klingen, aber: warum machst Du das?

LB: Zunächst einmal ganz simpel, teile ich als geborener Fanboy meine Begeisterung gern mit anderen, auch wildfremden Menschen. Dann habe ich es nicht so mit der "Pop-", sondern war immer ein Freund der etwas abseitigeren Kultur, die für mich persönlich so rein gar nichts mit Pop zu tun hat, sondern eher mit dem Gegenteil.

Auf den ominösen Begriff der Popkultur habe ich bewusst verzichtet.

LB: Danke. Es mag pathetisch klingen, aber ich glaube daran, dass besagte "andere" Künstler – egal ob Alternative, Underground oder "Fringe-" bzw. "Off-Culture", ob Musiker, Filmer oder Autoren – jede erdenkliche Plattform brauchen, die man ihnen nur bieten kann. Früher hat z. B. nur eine lumpige Plattenkritik in der Kölner Spex dafür gesorgt, dass eine Band in manchen Orten überhaupt einen Auftritt bekommen oder ihre Platte einen Vertrieb gefunden hat. Zudem hat mir mal ein Promoter anvertraut, dass eine wohlwollende Spex-Kritik zwar nicht automatisch dazu geführt hat, dass sich ein Album gut oder auch nur besser verkauft hat, sie hat aber zumindest immer dafür gesorgt, dass die anderen Hyänen auch um ein Promo-Exemplar gebettelt und das im Idealfall dann auch besprochen haben. Insofern hat man da als Multiplikator im Dienste einer guten Sache gearbeitet.

 

Aber natürlich spielen auch kreative Eitelkeiten eine Rolle: Das Format der Rezension bot einfach in den alten Tagen die grössten Freiheiten – zwischen launigen Einzeilern wie sie der jetzige Gag-Schreiber von Harald Schmidt damals gern ins Heft getragen hat und mehrseitigen Schlüssel-Kritiken wie sie lange zuvor Lester Bangs über Lou Reed im Creem geschrieben hat – das war alles okay, so lange man seine Leser ernst nahm, und sie nicht mit angelesenem Seminar-Ballast oder egozentrischen Befindlichkeitsgeschwafel langweilte. Zu guter Letzt gibt es noch ein subversives Element, das kommt eher zum tragen, wenn man für ein strittigeres, dubioseres oder harmloseres Objekt arbeitet. Ein Metal-Mag wie das Kerrang bot sich z.B. dafür an, Geschlechterrollen/-klischees zu reflektieren, das Jetzt-Magazin war die beste Plattform für ein gerütteltes Maß Schmutz, Blut und Terror während es mir im Kulturteil der INTRO z. B. Spass macht, Teenager in Deutschlands Hinterland zu indoktrinieren, indem man zu allen passenden und unpassenden Gelegenheiten, Themen wie Gentrifizierung, Drogen-Poltik und ähnliches einfliessen lässt. Darin besteht für mich der einzige Vorteil eines Umsonst-Magazins, das naturbedingt in nahezu jedem anderen Bereich eher Teil des Problems als der Lösung sein muss. Die Vorstellung, dass da in der Provinz Kiddies sitzen, die erstmals mit solchen Themen konfrontiert werden, obwohl sie sich eigentlich nur etwas über ihren neuen (potentiellen) Lieblingsfilm lesen wollten, das elektrisiert mich immer noch. Das ist der "geheime Verführer" in mir, der sich Bahn bricht. Eine Erbschuld aus alten Werber-Tagen.  

Fanboy, Multiplikator, Verführer… Siehst du dich auch als "Kritiker" oder ist das für dich ein Schimpfwort?

LB: Ein Teil von mir ist Kritiker, ja. Aber in erster Linie verstehe ich mich als Schreiber. Worte sind mein Geschäft und meine Leidenschaft. Und natürlich brauchen Kunst und Kultur die Kritik, das steht ausser Frage und wurde gründlich genug diskutiert. Aber brauchen die Künste berufsmässige Kritiker? Für mich finge das Problem schon damit an, wenn sich jemand darauf beschränken wollte, ausschließlich Kritik zu liefern. Das kann Teil einer sinnvollen Tätigkeit sein, aber wer nichts anderes tut, wird schnell zum Berufsenthusiasten oder geschmäcklerischem Nörgler oder zum Elch. Als George Bernard Shaw, der einst behauptete, Kritiker seien nur blutrünstige Leute, die es nicht bis zum Henker geschafft hätten, der Vorwurf gemacht wurde, seine Rezensionen seien zu bissig, antwortete er: "Sie müssten lesen, was ich in den letzten Jahren aus Wohlwollen gestrichen habe." Ich glaube, darin versteckt sich ein interessantes Körnchen Wahrheit, wenn nicht zwei oder drei (...) Es kann für mich als Kritiker auch ein euphorisches Gefühl von Grenzüberschreitung geben. Ja, und zum anderen deutet sich in Shaws "wohlwollendem Streichen" etwas an, was in der böswilligen Umkehrung als die vernichtendste Waffe der Kritik gelten könnte: vorsätzliche Ignoranz. Wenn ich alles wegstreiche oder auch gar nicht erst schreibe, sage oder zeige, kann ich damit auch meinen Punkt machen. So habe ich es gegenüber Tocotronic und einem Sack voll Pop-Literaten gehalten, obwohl man immer wieder Schmähkritiken bei mir bestellt hat. Das ist einfach zu billig. Auch meinen Ekel oder Hass muss man sich erst verdienen.

Womit kann man sich den denn verdienen? Wann hat das jemand das letzte Mal bei dir geschafft?

LB: Wenn in mir dieses brennende Gefühl aufsteigt, wenn ich mich frage, ob denn die Welt blind ist oder warum das keiner merkt; kurz bevor mich eine Ahnung von Ohnmacht ereilt, lasse ich ihn raus, den kultivierten Ekel und das gerüttelte Maß Hass. Wenn Dummdreistigkeit auch noch abgefeiert wird, wird Widerstand zur Pflicht. Das ist ein schmaler Grat, denn auch mit Ekel und/oder Hass füttert man die Aufmerksamkeitsnutten mit dem, was sie zum Leben brauchen. Eigentlich sollte man ihnen diese Aufmerksamkeit grundsätzlich verweigern, aber manchmal hilft eben nur noch, das Geschmeiss zu zerschlagen, sie mit Worten zu steinigen.

Oft kommen die Steine nicht direkt bei der Quelle des Hasses an. Gab es denn aber auch Fälle, wo sich Leute persönlich von einem deiner Texte getroffen gefühlt und entsprechend reagiert haben?

LB: Die Steine müssen gar nicht direkt ankommen, es geht manchmal auch nur darum, etwas am Lack zu kratzen, ein Problembewusstsein zu schaffen, etwas Sand in die Hype-Machine zu werfen, das politisch korrekte Ansehen zu besudeln – kurz: dem Schafsgeblöcke etwas entgegenzusetzen. Und um deine Frage zu beantworten: ja, die gab es, aber sie haben nicht mit Gewalt reagiert, höchstens mit unverhältnismässig langen Leserbriefen, die sich auf drei Seiten nicht mehr als drei Sätzen widmeten.

Das ist ja auch eine Art Bestätigung der eigenen Arbeit. Wie wichtig ist dir die (sowohl positive als auch negative) Resonanz auf deine Texte?

LB: Da ich nicht im Elfenbeinturm sitze, gebe ich mehr als nur einen Dreck auf Resonanz. Zwei Drecks vielleicht… Ich habe mal in irgendeinem Zusammenhang behauptet, dass nicht der Taxi Driver am Lenkrad sondern der freie Autor an der Tastatur "god's loneliest man" ist, das trifft es ganz gut, zumindest was die Arbeitssituation betrifft. Wer damit nicht klarkommt, muss sich eine andere Spielwiese suchen. Man hört eher etwas von seinen Redakteuren oder den betreffenden Künstlern als von irgendwelchen Lesern. Die meisten nehmen wahrscheinlich an, dass man auch ohne ihr Zutun schon arrogant genug ist. Das schönste Lob war für mich, als mal bei einem Konzert eine Junkie-Braut zu mir kam, um mir für einen Trainspotting-Artikel zu danken. Da wusste ich, dass ich irgendwas richtig gemacht hatte… Und Künstler, die sich erstmals verstanden fühlen, das ist auch ein Antrieb.

 

Du hast einmal eine Musikrezension mit den Worten beendet "…ja, ja, ich erzähl es meinen Pflanzen." Ein anderes, von dir selbst mittlerweile mehrfach wiederholtes Zitat lautet schlicht "Du sollst nicht langweilen!". Der Leser soll also in jedem Fall unterhalten werden?

LB: Unterhaltung ist mir weniger wichtig als das, was meine verehrte Kollegin Katha Schulte mal "Interessanz" genannt hat. Seine Leser nicht zu langweilen, das sollte doch ein No-Brainer sein. Keiner braucht Journalisten, die nicht an ihre Leser denken, Popliteratur-Langweiler mit Erzählungen von der Käsetheke oder Akademiker, die über ihre Sprache so aktiv ausgrenzen, dass ihnen keiner mehr folgen kann/mag, der nicht im Proseminar neben ihnen gesessen hat. Letzteres finde ich besonders bitter: dass diese meist belesenen, intelligenten Menschen nur den Eingeweihten Zugang zu ihrem Wissen ermöglichen wollen; dass sich selbst Pop-Päpste nicht die Mühe machen, verständlich zu schreiben sondern ihre Verben über 10 Zeilen trennen und sich regelmässig in kryptischen Kausalsätzen um den Verstand relativieren.

Da wird dir sicher manch genervter Leser zustimmen. Die Sprache von Lars Brinkmann scheint sich wenig um akademische Ghettos zu kümmern. Dagegen scheint der Geist von Hunter S. Thompson in deinem Papierkorb zu wohnen… Gab oder gibt es Vorbilder, also Autoren, die deinen Schreibstil beeinflusst haben?

LB: Danke, der Geist von Hunter S. Thompson wohnt nicht im Papierkorb, sondern in allem, was ich schreibe. Das stimmt zwar leider nicht, soll aber an dieser Stelle meiner grenzen- und bedingungslosen Bewunderung Ausdruck verleihen. Als ich über "Fear & Loathing in Las Vegas" und die beiden Reportage-Bände bei 2001 gestolpert bin, hatte das eine befreiende und erhellende Wirkung. Es war sehr tröstlich, zu erkennen, dass man auch als Profi so lustvoll schreiben kann, dass man auch politischen Themen mit diesem gerüttelten Maß an Irrsinn begegnen kann, wenn nicht muss. Ein ähnliches Gefühl hatte ich zuvor nur bei einzelnen Geschichten von Tom Wolfe und bei Nik Cohn (bevor Punk passierte, war ich Doo Wop-Fan und sein "Awopbopaloobop Alopbamboom" war so etwas wie meine Bibel). Streng genommen bin ich aber eigentlich ein Kind der öffentlichen Bücherhallen Hamburgs – dort konnte ich bereits als kleiner Teenie z.B. das nahezu komplette Programm des März-Verlages ausleihen – dadurch habe ich so etwas wie den legendäre ACID-Reader in viel zu frühen Jahren gelesen und verschiedene Autoren kennengelernt, die mich noch lange begleiten sollten, u.a. William S. Burroughs, Charles Bukowski und den hier als Herausgeber und Übersetzer tätigen Rolf Dieter Brinkmann (mit dem ich nach meinem Wissen leider NICHT verwandt bin). Dank meines Leseausweises, der in den 70ern ca. 20 Pfennig im Monat gekostet hat, habe ich dann auch meine Bernward Vesper und Jörg Fauser entdeckt. Ich resümiere: Die Saat der 68er scheint bei mir aufgegangen zu sein.

 

Konkreter wurde es dann mit Sounds und dem NME, letzteren konnte ich mir damals bei meinem örtlichen Buchhändler abonnieren (und meistens hat ihn meine liebe Mutter bezahlt weil sie der Meinung war, ich würde dadurch mein Englisch perfektionieren). Beim Sounds waren es eher die heute fast vergessenen Schreiber wie Harald inHülsen und Hans Keller, die mich mit ihrem Stil und ihrem Wissen beeindrucken konnten. Die Sounds-Typen, die dann später bei der Spex landeten, habe ich als Menschen schätzen gelernt, aber als Autoren immer abgelehnt, daran hat sich wenig geändert. Von all dem unabhängig, hat auch die Schule mit ein paar Klassikern Spuren hinterlassen, allen voran Kafka, E. A. Poe und Mark Twain, später so etwas wie Edward (St. John) Gorey, Charles Baudelaire und Joris Karl Huysmans. Meinen frühesten Kontakt mit gutem Deutsch verdanke ich jedoch, wie so viele meiner Generation, der 2005 mit fast hundert Jahren viel zu früh von uns gegangenen Dr. Erika Fuchs.

Erika Fuchs hat als Übersetzerin Disney-Comics dazu genutzt, um die westdeutsche Nachkriegsjugend mit ihrer eigenen literarischen Geschichte zu konfrontieren. Ist das die Art von Indoktrination, die du am Anfang angesprochen hattest – die Erwartung des Lesers zu seinen Gunsten zu unterwandern?

LB: Genau das! Ich habe lange darüber nachgedacht, was ich dem hinzuzufügen habe, ob ich Erwartungen unterwandere oder übererfülle oder manchmal auch einfach torpediere. Ganz ehrlich, ich weiss es gerade nicht so genau. Erika Fuchs ist in der Tat ein schönes Beispiel. So gut/virtuos werde ich nie werden, aber selbst als Text-Dienstleister bemühe ich mich, die Latte immer etwas höher zu hängen. Gib dem Kunden immer etwas mehr als er erwartet, verführe und fordere ihn, so dass er ein Stückchen weiter geht als er eigentlich wollte – im Idealfall, ohne dass er es sofort merkt. Das ist meine persönliche Antwort auf eine universelle, immer mehr um sich greifende kommunikative Verflachung.

Als Text-Dienstleister stösst du doch sicher auch an Grenzen des Machbaren oder besser gesagt: des Durchsetzbaren. Welche Rolle spielt bei deinem Anspruch das Magazin-Projekt GRIMM (das du ja selbst auch als "verderbliches Gelege" bezeichnest)? Siehst Du es als Antwort auf die kommunikative Verflachung oder eher als ein aus der Zeit gefallenes Liebhaber-Projekt? 

LB: Grundsätzlich dient die Arbeit an GRIMM der Katharsis, das muss alles raus. Wie skandierten die 500.000 Yippies, als sie 1967 versuchten, das Pentagon zum Levitieren zu bringen: Out Demons, out! Grenzen des Machbaren oder Durchsetzbaren gibt es in diesem Zusammenhang nicht. Ich glaube, das ist auch ein Grund, warum alle Beteiligten so viel Liebe in das Magazin oder auch "Periodikum" investieren. Ja, Liebe, die zeigt bisweilen seltsame Blüten, aber es ist Liebe. Und wenn wir damit Untiefen in der Verflachung schaffen, ist uns das natürlich nur recht.

GRIMM scheint auch ein Statement gegen die seit Jahren herbeigeschriebene Krise des Printmarktes zu sein – ein fast altmodischer Reader für interessante, abseitige Themen, hochwertig gedruckt und limitiert. Ein ergänzendes Online-Angebot gibt es nicht.

LB: Ist es ein Statement gegen die Krise, wenn man sich bereits im Vorfeld keine Illusionen macht, mit seinem Objekt der Leidenschaft jemals Geld verdienen zu können? In gewisser Weise vielleicht schon, zumindest wäre es sicherlich in jeder Beziehung hilfreich, wenn mehr Menschen häufiger ihren Leidenschaften nachgehen würden, ohne gleich auf den schnöden Mammon oder eine Form von Instant Gratification zu schielen.

Eine Krise ist ja auch eine Marktbereinigung, oder lassen wir wirklich mal Markt und Mammon außen vor und sagen wir nur: eine Reinigung. Womit wir auch wieder bei der Katharsis wären: sich freischreiben von falschen Zwängen, den eigenen Leidenschaften nachgehen – ist es das, was die GRIMM-Autoren tun?

LB: Ich hoffe es! Ausnahmelos alle Autoren brennen ebenso wie die Illustratoren, Fotografen, Grafiker und Künstler für das, was sie tun. Das sind Überzeugungstäter, die noch an die Kraft des geschrieben Wortes glauben bzw. an die Macht des (gedruckten) Bildes. GRIMM kann diesen Kreativen, die nach meiner Meinung zu den besten ihrer jeweiligen Disziplin gehören, nichts anderes bieten als einen möglichst grossen Freiraum. Höchstens das Grundgesetz bietet ihnen Einhalt. Vorauseilenden Gehorsam gibt es aber auch in dieser Beziehung nicht, zur Not lassen wir es auch auf eine einstweilige Verfügung oder schlimmeres ankommen.  

Warten wir's ab. Bist du mit der Resonanz auf die erste Ausgabe zufrieden?

LB: Am meisten haben mich die Rückmeldungen der Beteiligten erfreut, dazu ein paar (andere) Künstler, Musiker und generell nette Menschen. Da von denen nun wiederum auch ein paar Schreiber, Redakteur und/oder Meinungsmanipulator sind, wollen wir uns auch nicht über mangelnde Medien-Resonanz beschweren. Ich finde das ganz ehrlich etwas spooky, aber wir werden geliebt oder zumindest sehr respektvoll behandelt. Das haben wir so nicht erwartet. Als Selbsterkenntnis dieses Interviews könnte ich aber verkaufen, dass mich ohnehin eher Unzufriedenheit antreibt. Wenn ich noch älter werde, wähle ich als Role-Model eine Mischung aus Waldorf, Statler und Clint Eastwood in seinen späten Jahren. Altersweisheit mein Arsch. Das kann und muss alles noch viel besser werden.

Meinst du damit vor allem die Unzufriedenheit mit deiner Umwelt oder auch, trotz der positiven Resonanz, mit der eigenen Arbeit?

LB: Das ist eine universelle Unzufriedenheit. Ich bin unzufrieden mit allem und jedem, aber vor allem mit mir selbst!

Widerspricht das aber nicht deiner bereits zugegebenen Begeisterungsfähigkeit? "Universelle Unzufriedenheit" riecht nach Koketterie, wohlmöglich Launenhaftigkeit… Wieviel Diva steckt in Lars Brinkmann?

LB: Zum einen sind für mich Begeisterungsfähigkeit und Unzufriedenheit kein Widerspruch per se, zum anderen bekenne ich mich gern zu meiner Launenhaftigkeit. Und ja, in mir steckt mindestens soviel Diva wie in Blixa Bargeld, der mal meiner Bekannten Susi den folgenden goldenen Merksatz an die Stirn geklebt hat: "Eine Diva ist eine Person, die Bedingungen unterliegt, die Außenstehenden nicht unbedingt klar sind."

Das ist in der Tat sehr schön formuliert. Hat Susi es denn wenigstens verstanden?

LB: Ja, hat sie. Und sie glaubt auch, dass es ganz wenige Personen gibt, die "qua Talent zu soviel Unverschämtheit berechtigt sind."

Sind dir als Teilzeit-Diva denn auch schon echte Diven begegnet, über die du in deiner Rolle als Autor und Kritiker berichtet hast?

LB: Zu viele, um sie alle aufzählen zu wollen.

Die Unverschämtheit der Diva ist in dem Fall doch eher eine Tugend… Oder ist dir schon mal ein interessanter "verschämter“ Mensch begegnet? Anders gefragt: können harmlose, umgängliche Menschen überhaupt große Kunst schaffen?

LB: Für mich ist diese Unverschämtheit weder eine Tugend noch ein Grund für Antipathie. Aber ja, mir begegnen nahezu täglich interessante, "verschämte" Menschen. All diese Loner, Otakus, Nerds, Schlafzimmer-Produzenten, Frickler, Bastler, potenziellen Serienkiller… Und obwohl ich nicht weiss, wie du harmlos definierst, behaupte ich mal: Ja, natürlich können auch diese Menschen grosse Kunst schaffen. Aber ebenso natürlich wird auch von vielen, nicht zuletzt von den Profiteuren des Kunstmarktes der Mythos vom grossen Künstler als Diva oder besser, als enigmatisches Arschloch gepflegt. Das verkauft sich besser.

Das mag stimmen, ohne Image kein Umsatz. Da wären wir schon wieder beim Markt und Mammon. Aber zurück zur Unzufriedenheit: ist das für dich ein guter, produktiver Zustand, den du im Zusammenhang mit deiner Arbeit vielleicht auch kultivierst und pflegst? Will man überhaupt "zufrieden" sein?

LB: Ja, das kann sehr produktiv sein; ja, den Zustand kultiviere ich; nein, ich will nicht (wirklich/restlos) zufrieden sein. Kann ich auch gar nicht, ich habe dieses norddeutsche Gnarl-Gen.

Du hast ja mittlerweile eine beeindruckende Menge an Texte und Rezensionen veröffentlicht. Hebst du die entsprechenden Magazine und Zeitungen eigentlich auf? Gibt es da ein persönliches Archiv?

LB: Ich möchte nicht beschwören, dass ich noch alle "Belegexemplare" habe, aus meiner Frühzeit ist sicherlich einiges verschütt gegangen, und "Archiv" möchte ich diesen Haufen Altpapier auch nicht nennen aber ansonsten: Ja, ich bemühe mich, zumindest die Magazine aufzuheben und manchmal finde ich auch die Ausgabe, die ich gerade suche.

Wie schneidet diese persönliche "Frühzeit" im Vergleich zur Gegenwart ab? Magst du den Autoren noch, der du mit 25 oder 30 warst?

LB: Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, ich muss selten meine eigenen Texte lesen, das hat auch für mich etwas von einer Eigenurin-Therapie. Aber wenn ich dann doch mal einen lesen muss, dann bin ich oft überrascht. Manches finde ich amüsant, manches seltsam, und in seltenen Fällen überkommt mich ein Gefühl von Fremdheit, als hätte das jemand geschrieben, den ich nur entfernt kenne. Allgemein stelle ich fest: Lob ist vergänglich, die Boshaftigkeit bleibt. Und über die muss ich dann am meisten lachen.

Hast du als Autor von Anfang an selbständig gearbeitet oder warst du auch schon mal irgendwo festes Redaktionsmitglied?

LB: Als Autor grundsätzlich frei seit der Schülerzeitung. Und jetzt habe ich eine Redaktion, die nur aus mir besteht.

War das eine bewusste Entscheidung gegen bestimmte Arbeitsbedingungen – für die eigene Unabhängigkeit?

LB: Nö, das hat sich einfach so ergeben. Mir fiele aber jetzt auch aktuell keine Redaktion ein, von der ich ein Teil sein wollte. Aber das ist bei mir auch so wie bei Groucho Marx mit dem Club… Zumal mir für meine Themen ohnehin nur die Selbstausbeuter-Betriebe geblieben wären. Nein, da habe ich mein Geld lieber gleich mit Edel-Prostitution verdient und auch da überwiegend als Freier (no pun intended).

 

Inwiefern hat das Internet deine Arbeit in den letzten Jahren beeinflusst oder verändert?

LB: Die Arbeit ist nicht mehr dieselbe. Vor allem gestaltet sich natürlich die Recherche, der s. g. Desk-Research seit grob 10 Jahren wesentlich einfacher. Noch in den kompletten Neunzigern war ich wesentlich abhängiger von meinem privaten Archiv und den öffentlichen Bibliotheken. Auch wenn du im Gegensatz zu den "Journalisten" von Spiegel-Online NICHT bei Wikipedia abschreiben willst, auch wenn du den Google-Journalismus mit seinen Info-Häppchen ablehnst, hast du heute beim überwiegenden Teil der Themen auf Knopfdruck mehr Quellen, als du in einem normalen Text verarbeiten kannst. Gleichzeitig werden die Räume enger, was längere und/oder elaboriertere Texte betrifft. Das sind einfach andere Bedingungen, unter denen wir arbeiten. Ich habe den Eindruck, dass die spezifische ADHS-Schreibe fürs Netz und diese Kein-Wort-Zuviel-Haltung, eine zunehmende Verflachung begünstigt hat. Sieht man mal von den wenigen anspruchsvollen Gegenbeispielen zwischen Mare, Konkret und Fanzine ab, lese ich nur noch "formatierte" Texte, und die interessieren mich, ähnlich wie formatiertes Radio, herzlich wenig. Ich bin mir aber sicher, dass wir es auch hier auf der Seite der Verantwortlichen mit einer Mischung aus Self-fulfilling Prophecy und vorauseilendem Gehorsam zu tun haben, ähnlich wie in anderen Medien, sei es Radio oder Fernsehen. Der Großteil des Publikums, der Leser, Hörer, Zuschauer, ist wesentlich schlauer als es die medialen Powers That Be wahrhaben wollen – schlauer als ihn eigentlich recht sein dürfte. Die sind zumindest in der Lage und willens, einen Satz mit mehreren Kommata zu lesen, auch wenn er länger als 5 Worte ist.

Anders herum sind Länge und Ausführlichkeit auch nicht gleichbedeutend mit Qualität, oder? Der Häppchenjournalismus wird ja meist mit der Schnelligkeit des Mediums begründet – die Leser mögen schlau sein, aber sind sie auch geduldig genug?

LB: Elaboriert bezieht sich zwar auf den Stil, nicht unbedingt auf die Länge, aber generell ist momentan mehr einfach mehr. In einem Oneliner oder einem Info-Häppchen von 500 Zeichen findet sich nur äußerst selten ein fruchtbarer Gedanke. Nicht jeder Autor kann Oscar Wilde das Wasser reichen, nicht jede Autorin formuliert Gedanken so scharfzüngig wie Virginia Wolf oder Dorothy Parker. Natürlich wächst mit der Länge des Textes auch die Gefahr, andere zu langweilen, aber das hatten wir ja schon. Um das auszuschließen, muss man bei der Arbeit nur mal einen Gedanken an den armen Leser verschwenden, dann bekommt das jeder nur halbwegs begabte Schreiber schon hin, da bin ich ganz zuversichtlich. Meistens scheitert das doch nur an irgendwelchen Eitelkeiten oder an der besagten Arroganz der Wissenden. Und ob die Leser wirklich allesamt geduldig genug sind, sei mal dahingestellt – meine Leser sind es. Das dürfte dann wohl auch die einzige Gemeinsamkeit zwischen Mare, Der Zeit und GRIMM sein.  

Ein Großteil deiner Arbeit bestand bisher aus Musikkritik. Inzwischen hast du in diesem Bereich praktisch keinen zeitlichen Vorsprung mehr vor dem Konsumenten – Musik ist online für jeden verfügbar. Hat da eine "Entmachtung" stattgefunden?

LB: Wenn ich das Internet als Synonym für einen Schwarm von aktiven Enthusiasten verstehe, ja, dann hat es die Macht des "Kritikers alter Schule" zumindest relativiert, ihm etwas relativierendes an die Seite gestellt. Das kann nie verkehrt sein. Ganz ehrlich macht es aber die Sache für den Schreiber momentan nicht unbedingt einfacher. Insbesondere, was Musik betrifft. Für mich bestand ein großer Reiz einer guten Musikkritik darin, die Musik entweder mit Worten spürbar zu machen und/oder sie in einem Kontext zu präsentieren, der ihr ein Rest-Enigma lässt. Manchmal war es durchweg sinnvoll, auch noch das eine oder andere auszuschmücken, wahlweise zu schönen, hemmungslos zu übertreiben, wenn es in einem Akt übergeordneter, poetischer Gerechtigkeit geschehen ist. Subjektiver Musikjournalismus der alten Schule. Wer Musik-Kritiken schreibt und behauptet, er hätte so etwas nie getan, lügt. Das könnte man auch mit Hinweis auf die richtige Praxis des Gonzo-Journalismus verteidigen, aber warum? Das Problem, wenn es denn eins gewesen sein sollte, hat sich ohnehin mit der Möglichkeit sofortiger Überprüfung erledigt. Da kann ich ganze illusionäre Welten bauen – was soll das, wenn sich die sofort mit einem Klick und ein paar gezielten Suchanfragen zu zerstören sind?
    
Ist die Musikkritik also am Ende?

LB: Die richtige Musikkritik muss sich vermeintlich neuen Aufgaben widmen, (wieder) analytischer, substantieller, intelligenter, beredeter werden. Entschleunigt und befreit von der immer wieder thematisierten Verwertungslogistik und ökonomischen Zwängen kann sie sich eventuell endlich zu etwas entwickeln, was mit mehr Liebhaberei und mehr Interesse um seiner selbst bzw. im Dienste der Kunst betrieben wird. Damit lässt sich erstmal kein Geld verdienen, aber was Bazon Brock von einem diplomierten Profi-Bürger erwartet, muss auch für den Kritiker der neuen Zeit gelten: "Wenn man sich selber ernst nimmt, wenn man sich nicht zum Büttel machen lassen will, weder Büttel der Industrie noch Büttel der Künstler noch Büttel der Politiker, dann muß man eben für sich selbst verantwortlich die Autonomie ausbilden und sie auch durchsetzen." Ich sag mal: Bildet Banden!
    
Die Entmachtung des Kritikers ist gleichzeitig seine Befreiung…?

LB: Entmachtung trifft es für mich nur auf einer ökonomischen Ebene – und ja, da kann jetzt abseits der Wertschöpfungsketten vielleicht etwas entstehen, was im Literatur- und Kunstbetrieb schon seit Ewigkeiten viel verbreiteter ist: Intelligente Kritik, frei von Distinktionsgerangel, Definitionsmacht-Kämpfen und wie dieser ganze Ungemach auch heißen mag.

 

Interview: OB, 2010